Seiteninhalt
23.07.2025

Canadian Brass: In der Stiftskirche swingte Bach und es kämpfte der Stier von Bizet

Klassikkonzerte sind steif? Blasmusik nur etwas für Trachtenfeste? Wer so denkt, hat Canadian Brass noch nie live erlebt. Das weltberühmte Blechbläserquintett aus Kanada bewies am Sonntag schon beim Einmarsch, dass Musik nicht nur den Kopf erreicht – sondern auch das Zwerchfell.

Bereits beim Betreten der Bühne war klar: Diese Herren nehmen den Spaß ernst. Schwarze Westen, weiße Hemden, blitzende Instrumente – und Turnschuhe mit einem kleinen roten Ahornblatt. Ein modisches Augenzwinkern, das den Abend perfekt zusammenfasste: klassisch im Kern, herrlich unkonventionell im Auftritt.
Doch bevor die fünf Musiker mit einer festlichen Fanfare vor 520 Gästen in der Stiftskirche loslegten, begrüßte Maren Matthes das Publikum. Als dienstälteste Intendantin Deutschlands leitet sie seit 25 Jahren den Kultursommer Nordhessen und verantwortet auch in diesem Jahr die Veranstaltungsreihe. „Die Stiftskirche ist eine der schönsten Spielstätten unter den 85 Orten des Programms“, betonte sie – ein Kompliment, das Bürgermeister Arnim Roß mit begeistertem Applaus quittierte. Die Gemeinde Kaufungen und die evangelische Kirchengemeinde Oberkaufungen organisieren das Konzert jedes Jahr gemeinsam mit dem Kultursommer.

Es gibt Konzerte, bei denen man die Zeit vergisst. Und es gibt Konzerte, bei denen man sich fragt, warum nicht jede Sinfonie mit einer Tuba-Pointe beginnt. Genau das erlebte das Publikum am Sonntagabend mit Canadian Brass, Kanadas charmantestem Export nach Ahornsirup und Eishockey. Was diese Virtuosen mit Trompete, Horn, Posaune und Tuba boten, war kein gewöhnliches Konzert. Es war musikalisches Kabarett in Perfektion. Das Repertoire? So breit wie ein kanadischer Prärie-Highway. Von Bach bis The Beatles, von Beethoven bis zum „Tuba Tiger Rag“. Kaum hatte man sich auf ein seriöses Barockstück eingestellt, überraschte das Quintett mit einem jazzigen Ausflug nach New Orleans – marschierende Tuba inklusive.

Schon mit der „Zauberflöte“ von Mozart bewiesen sie ihre technische Weltklasse: Jeder Einsatz saß, jede Kadenz war ein kleines Kunstwerk. Was Joe Burgstaller und Mikio Sasaki (Trompete), Jeff Nelsen (Horn), Keith Dyrda (Posaune) und der 80-jährige Chuck Daellenbach (Tuba) auf die Bühne brachten, war mehr als Musik. Es war Musiktheater ohne Worte, ein Abend voller Tiefgang und Leichtigkeit – spürbar in jedem Takt. Besonders ergreifend: das Posaunen-Solo mit Brahms’ Choral Prelude Nr. 10, das die ehrwürdige Stiftskirche mit einem mächtigen Klang erfüllte. Mit „Well Tampered Bach“ arrangierten sie den Altmeister neu – Jazz, Bebop und Dixie ließen das Publikum mit den Füßen wippen.

Ein Höhepunkt des Abends: die eigenwillige, berührende Version von „Eleanor Rigby“. Die melancholische Beatles-Melodie wurde in der Bläserfassung fast zur kleinen Oper – voller Tiefe, Drama und einem Hauch Pathos. Wer glaubte, Blechblasinstrumente könnten keine Emotionen transportieren, wurde hier eines Besseren belehrt. Mit der Suite „Olé“ und dem Glanzstück „Granada“ zeigte Trompeter Mikio Sasaki sein ganzes Können – spanisch bis in die letzten Ventile. Und dann: Bizet und der Stier. In ihrer mitreißenden Interpretation von „Carmen“ verwandelten Canadian Brass die Stiftskirche in eine Arena. Der Torero? Posaunist Keith Dyrda, tänzelnd und voller Kampfeifer. Die Tuba grollte als bedrohlicher Stier – gewaltig und tief. Ein humorvolles, virtuos inszeniertes Mini-Drama, das Bizet selbst zum Schmunzeln gebracht hätte. Mit Tango Nuevos erreichten die fünf Musiker ein Niveau, das weltweit seinesgleichen sucht.

Was Canadian Brass so einzigartig macht, ist nicht nur ihre musikalische Brillanz, sondern auch ihr unverwechselbarer Stil. Zwischen den Stücken lockerten choreografierte Bewegungen, witzige Dialoge und spontane Einlagen das Programm auf. Wer an diesem Abend dabei war, wird den „Stierkampf in der Kirche“ so schnell nicht vergessen – und beim nächsten Beatles-Song wohl unweigerlich an eine Tuba denken.

Die Raiffeinsenbank eG Baunatal hat das Konzert von Canadian Brass mit 10.000 Euro unterstützt.

Hans-Gerhard Pfaff