Kaufunger Stiftssommer endete mit überwältigender Klangpracht
Der Kaufunger Stiftssommer endete am vergangenen Sonntag nicht leise, sondern mit einem kraftvollen musikalischen Aufbruch: Orgelzauber, Percussion-Poesie und die elegante Balance aus Klanggewalt und Leichtigkeit bündelten die Höhepunkte vergangener Jahre – und weckten zugleich eine Vorfreude, die schon jetzt nach dem nächsten Sommer ruft. Pünktlich zum Sonntagskaffee verwandelte sich die Kaufunger Stiftskirche in eine Bühne voller Klangfarben, Emotionen und bislang unentdeckter musikalischer Intensität. Zehn Musiker, darunter eine Musikerin, aus der Brass Band Nord und dem Kollegium der Musikschule Söhre-Kaufunger Wald präsentierten vor über 100 Zuhörern mit Blech, Drums und Orgel die Glanzstücke ihrer Arbeit. Unter der Leitung von Mario Heilmann, dem Leiter der Musikschule Söhre-Kaufunger Wald, spannte der Orgelzauber Bögen, die das Kirchenschiff in Kathedralenweiten tauchten und den Atem der Zuhörer weit über die Mauern hinaus trugen. Die Percussion-Poesie erzählte mit zarten und zugleich kraftvollen Schlägen Geschichten von großer Innerlichkeit, in denen jedes leise Anschlagen mehr wog als ein donnernder Tusch. Schließlich verbanden die Bläser Klanggewalt und Leichtigkeit zu einer seltenen Harmonie.
Das denkwürdige Konzert begann mit dem fulminanten Stück „The Beginning“ von Michael Schütz, das dieser 2008 eigens für den Auftakt konzertanter Orgelstücke in D-Dur komponiert hatte. Danach überraschten die Musiker mit einer von Jérôme Naulais arrangierten Version von „Bruder Jakob“, die sie im Kanon erklingen ließen und damit ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellten. Doch diese Vielseitigkeit steigerte sich im Verlauf des zweistündigen Konzerts. Besonders Marco Boomgaarden aus Leezdorf bei Norddeich verzauberte mit „Ambers of Hope“, einem Werk von Mario Heilmann. Virtuos spielte er Euphonium, Orgel, Blaswandler und Alphorn. Das Stück kreierte eine einzigartige Klanglandschaft mit eingefangenen Naturgeräuschen von Wind und Wellen. Zunächst meditativ, dann expressiv mit brausender Orgel und schließlich gekrönt von Trompeten und Hörnern, mündete es in ein gewaltiges Finale – das Publikum dankte mit stehenden Ovationen.
Mit bekannten Evergreens wie „Bei mir bist du schön“, „Bella Ciao“, „Cry of the Celts“ und dem von Jérôme Naulais arrangierten „Shalom“, einem Medley jiddischer Melodien, erfüllten die Musiker das ehrwürdige Gotteshaus mit beschwingter Leichtigkeit.
Andreas Dengel, Marco Boomgaarden, Jonas Buß und Mario Heilmann ließen die mächtige Noeske-Orgel der Stiftskirche in neuem Licht erstrahlen. Abseits ihres traditionellen Images als Kirchenbegleitinstrument präsentierten sie sie als vielseitiges und innovatives Klangwunder – das erste „Keyboard“ der Musikgeschichte. Mit der außergewöhnlichen Kombination seltener Instrumente wie Blaswandler, E-Trompete und Handpan eröffneten sie spannende musikalische Möglichkeiten und setzten die Orgel in überraschende Kontexte.
Im Stück „Trio per Uno“ des deutsch-serbischen Komponisten Zivkovic zeigten Vincent Bockler, Jonas Buß und Mario Heilmann die beeindruckende Bandbreite der Schlaginstrumente. Sie bewiesen, dass Percussion weit mehr ist als kraftvolle Rhythmen. Drei Schlagzeuger spielten gemeinsam auf einer großen Trommel und entfachten mit dynamischen, energiegeladenen Passagen ein wahres Schlagzeuginferno. Zum Abschluss zeigten Andreas Dengel (Trompete, Orgel), Phillip Grasser (Trompete), Selina Dengel (Waldhorn) und Christian Schneider (E-Gitarre, Synthesizer) bei einer Zugabe ihr außergewöhnliches Können. Mit „You Raise Me Up“ setzten sie den krönenden Schlusspunkt eines Konzerts, das eine ausverkaufte Stiftskirche verdient hätte.
Als sich die Türen des Kaufunger Stiftssommers schlossen, hallte in den Mauern der alten Kirche noch lange nach, was die Musikschule Söhre-Kaufunger Wald an diesem Abend an Klangfarben entfaltete. Es war ein Rückblick, ja – doch keiner mit wehmütigem Blick zurück, sondern einer, der wie ein offenes Fenster in die Zukunft wirkte. Das Finale des Kaufunger Stiftssommers präsentierte sich als funkelnde Essenz vergangener Jahre, eine musikalische Visitenkarte voller Glanzlichter. Wer dabei war, ging nicht mit dem Gefühl eines Abschieds, sondern mit der stillen Gewissheit: Diese Musik hat nicht geendet – sie hat gerade erst wieder begonnen.
(hgp)