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13.03.2026

Überraschung unter dem Dach: Historischer Kratzputzfund in Niederkaufungen erweitert Verbreitungsgebiet bis nach Nordhessen

Manchmal erzählen Häuser ihre Geschichte erst auf den zweiten Blick – oder erst, wenn jahrhundertealte Schichten freigelegt werden. Bei Renovierungsarbeiten auf dem Dachboden eines alten Fachwerkhauses in der Mittelstraße in Niederkaufungen ist nun ein bemerkenswerter Fund ans Licht gekommen: eine historische Kratzputzwand, deren Ursprung mehrere Jahrhunderte zurückreicht.

Hauseigentümerin Eva Clara Tenzler stieß bei Arbeiten im Dachgeschoss zunächst eher zufällig auf die ungewöhnliche Oberfläche. „Die Formen waren besonders.“, berichtet sie. Die einprägsamen Muster ließen ihr jedoch keine Ruhe. Tenzler wandte sich an die Denkmalbehörden und zog Fachleute hinzu, um die Entdeckung genauer untersuchen zu lassen.

Die Expertise brachte schließlich Klarheit: Es handelt sich um einen sogenannten „Hessischen Kratzputz“, eine traditionelle dekorative Putztechnik, die seit 2016 als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt ist. Bislang galt die Region um Gudensberg als nördlichste Verbreitungsgrenze dieser Gestaltungstechnik. Der Fund in Niederkaufungen erweitert dieses Gebiet nun erstmals deutlich nach Nordhessen.

Bei der freigelegten Wand handelt es sich um eine Fachwerkwand, deren Gefacheputz noch Reste einer bewusst gestalteten Oberfläche erkennen lässt. Schnell wurde deutlich, dass es sich nicht lediglich um eine typische Wand aus Holzbalken, Lehmfüllungen und Verputz handelte, wie sie in vielen Fachwerkhäusern des 18. Jahrhunderts zu finden ist. Vielmehr zeigt der noch erhaltene Putz deutliche Spuren einer dekorativen Bearbeitung in der Technik des Hessischen Kratzputzes. „Das ist natürlich eine außergewöhnliche Sache und sie ist nicht nur für das Haus, sondern für die Ortsgeschichte von besonderer Bedeutung “, sagt Eva Clara Tenzler, die auch eine der Vorständinnen des Vereins Dorfleben Kaufungen e.V. ist.

Dass sich der Putz überhaupt erhalten hat, ist einem glücklichen Umstand zu verdanken: Ursprünglich als Außenwand ausgeführt, wurde die Wand im Laufe der Zeit durch Umbauten zu einer Innenwand im Dachboden. Dadurch blieb sie über Jahrhunderte hinweg vor Witterungseinflüssen geschützt.

Das Landesamt für Denkmalpflege hat bereits eine restauratorische Notsicherung vorgenommen, um den historischen Putz zu stabilisieren und weiteren Substanzverlust zu verhindern. Auch der Landkreis Kassel und die Kunigundengemeinde Kaufungen begrüßen den Fund ausdrücklich. Für eine wissenschaftliche Auswertung und Wissenssammlung werden Hinweise und Fotografien zu weiteren Funden gerne in die Kratzputzdatenbank beim Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Marburg aufgenommen.

„Das ist ein besonderer Fund, den es zu fördern und zu bewahren gilt“, betonen Kreisbeigeordneter Thomas Ackermann, Dezernent für Denkmalschutz beim Landkreis Kassel und Bürgermeister Arnim Roß. Die Fachwerkkultur und der historische Baubestand in Kaufungen seien bereits heute außergewöhnlich – durch diese Entdeckung erhalte die regionale Baugeschichte nun eine weitere, spannende Dimension.

Bürgerinnen und Bürger aus Kaufungen und der Umgebung, die bei Renovierungen möglicherweise ähnliche Putzstrukturen entdecken, werden gebeten, sich bei Dorfleben Kaufungen e.V. Weitere Funde könnten helfen, die historische Verbreitung dieser besonderen Gestaltungstechnik besser zu verstehen.

Kontakt
Dorfleben Kaufungen e.V.
info@dorfleben-kaufungen.de

Für eine wissenschaftliche Auswertung und Wissenssammlung werden Hinweise und Fotografien zu weiteren Funden gerne in die Kratzputzdatenbank beim Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Marburg aufgenommen.

Zum Hintergrund:

Der Begriff „Hessischer Kratzputz“ bezeichnet eine traditionelle, dekorative Gestaltung von Gefacheputzen an historischen Fachwerkhäusern. Die Technik entstand in der ländlichen Bautradition und lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Besonders verbreitet ist sie in Regionen wie der Schwalm und dem Hessischen Hinterland, wo zahlreiche Ortsbilder von dieser charakteristischen Putzgestaltung geprägt sind.

Bei der Herstellung wird der noch feuchte Kalkputz mit unterschiedlichen Werkzeugen bearbeitet. Handwerker ritzten Motive mit spitzen Geräten ein, stippten sie mit Reisigbündeln oder modellierten sie mit Spachteln, Holzspateln oder sogar mit den Fingern in die weiche Oberfläche. Für flächige Ornamente kamen Stempel, Nagelbretter oder größere Reisigbündel zum Einsatz. Grundlage des Putzes ist meist ein auf ein Lehmgefach aufgetragener Kalkputz, dem Tierhaare oder pflanzliche Fasern zur Stabilisierung beigemischt wurden.

Die Motive reichen von floralen Ornamenten über geometrische Muster bis hin zu symbolischen Darstellungen. Neben dekorativen Elementen wurden früher auch Schutzsymbole für Haus und Bewohner angebracht.

Der Begriff „Kratzputz“ ist dabei eigentlich irreführend: Anders als bei der Sgraffitotechnik wird kein Material abgekratzt. Stattdessen wird der noch weiche, einlagige Kalkputz eingedrückt, eingeritzt oder modelliert.

Während diese Gestaltung in der Schwalm bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitet war, wird sie im Raum Marburg-Biedenkopf teilweise bis heute praktiziert. Vergleichbare Putztechniken finden sich außerdem in Franken und Thüringen (Quelle Rainer Scherb, Februar 2026).