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28.04.2026

Spuren der Erinnerung am Tag der Burgen & Schlösser

Wer an Burgen und Schlösser denkt, hat vielleicht zunächst mächtige Mauern, Türme und Zugbrücken vor Augen. Doch der diesjährige Tag der Burgen & Schlösser der GrimmHeimatNordHessen führte in Kaufungen an den Ort, an dem Geschichte ebenfalls ganz greifbar wird: in die Stiftskirche – einem Gebäude, das seit Jahrhunderten von Menschen mit Leben gefüllt wird, das Zuflucht bietet und Geschichten bewahrt, die sonst niemand mehr erzählt - denn das Motto des Tages lautete „Erinnern“.

Den Auftakt machte am Morgen ein Gottesdienst mit dem Kinder- und Spatzenchor, der die Kirche mit viel Klang und Gesang füllte. Prädikantin Stefanie Kühn und Lektorin Claudia Meth gestalteten den Gottesdienst gemeinsam, teilten sich in der Predigt die Stimmen von Frauengestalten aus Vergangenheit und Gegenwart und in den Texten wurde deutlich: Über die Jahrhunderte haben unzählige Menschen genau hier gebetet, getrauert, gehofft und Glauben gelebt. Die Darbietung der Kinderchöre begeisterte und erntete herzlichen Applaus.

Kinder standen dann auch im Mittelpunkt des frühen Nachmittags, als Nicole Ohm-Hansen eine Kirchenführung der besonderen Art anbot – mit viel Fantasie und noch mehr guter Laune. Los ging es draußen vor der Kirche mit einem Blick auf die Kunigundenstatue: Was ist eigentlich eine Nonne? Wie lebt sie? Drinnen betrachtete die Gruppe zunächst den alten, beeindruckenden Taufstein im Eingangsbereich, bevor kleine Kärtchen verteilt wurden. Die Kinder durften sie überall dort verstecken, wo sich ihnen eine Frage stellte – und dann begann eine Art Schatzsuche durch das Kirchenschiff. Warum sind auf manchen alten Grabsteinen Eieruhren abgebildet? Wer war Anna von Borgh? Gehört die Kirche dem Bürgermeister, der Kirchengemeinde – oder Gott? Und was hat das merkwürdige Loch in der Hinterwand mit dem Gitterglas zu bedeuten? Lilly-Marleen (6), Ella (5) und Millie (9) hatten sichtlich ihren Spaß – und auch die Eltern erfuhren so manches Neue über die alte Geschichte der Stiftskirche.

Wer noch tiefer eintauchen wollte, war bei Kirchenführerin Anne Ottowitz genau richtig. Zu Beginn ihrer zwei ausführlichen Rundgänge erhielt jede Besucherin und jeder Besucher einen kleinen geschwungenen Schlüssel – sozusagen als Eintrittskarte in eine andere Zeit. Und Ottowitz öffnete tatsächlich Türen: zu Kaiser Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde, zu Wandmalereien und Grabplatten, zu den Fragen, die diese alten Steine aufwerfen. Wo saßen die Nonnen? Wie gelangten

sie in die Kirche? Was haben diese Mauern erlebt? Am Ende versammelten sich alle vor dem Steinaltar an einem gestalteten Lichtkreis – für jede geöffnete „Tür" stand eine Lichttüte. Es waren viele Spuren, die andere hinterlassen haben. Und es gab ein stilles Bewusstsein dafür, dass auch wir heute eine Spur hinterlassen. Die Reaktionen der Besucher*innen sprachen für sich: „Es ist äußerst spannend, wie viel in dieser Kirche steckt – ich bekomme Lust, wiederzukommen und noch mehr zu entdecken", sagte Angela Herwig aus Kaufungen. Ute Barth aus Fuldatal lobte, dass die Führung „neue Themen aufgeschlossen" habe und besonders die versteckte Tür in Erinnerung bleibe. Und Therese Leu-Neumann brachte es auf den Punkt: „Mit solchen Angeboten bleibt unsere schöne Stiftskirche wirklich lebendig.“

Für das leibliche Wohl zwischendurch sorgten die beiden Küsterinnen der Kirchengemeinde mit einem herzlichen Kaffee- und Kuchenangebot.

Einen stimmungsvollen Abschluss bildete am Abend ein Konzert aus der Reihe „KlangFaszinationRaum". Pfarrerin Dr. Christina Bickel griff das Thema des Tages auf und stellte mit ausgewählten Leseabschnitten den Roman „Anna oder: Was von einem Leben bleibt" von Henning Sußebach vor. Stück für Stück wurde den Zuhörenden eine Frau aus vergangener Zeit nahegebracht – ihr Aussehen, ihre Liebe, ihre beruflichen Nöte, ihre Stärke. Zwischen den Textteilen zauberten Tatiana Gracheva am Violoncello und Martin Baumann an der Noeske- und der Wilhelm-Orgel ein faszinierendes Zusammenspiel. Werke von Bach, Buxtehude, Saint-Saëns und Fauré füllten den Kirchenraum und verwandelten ihn in etwas Besonderes.

Den Schlusspunkt setzte Pfarrerin Bickel mit einem Gedanken, der den ganzen Tag in sich trug: Vielleicht bleiben von uns allen nur Spuren – in Gebäuden, in Büchern, in der Musik, in den Erinnerungen derer, die nach uns kommen. Aber wenn wir uns von diesen Erinnerungen berühren lassen, verschwinden sie nicht. Sie werden gegenwärtig.

(ISa)