Drei Bands und jede Menge Jazz-Power in der Haferbachhalle
Mit einem fulminanten Premierenkonzert hat Kaufungen erneut bewiesen: Der Ort hat nicht nur die Kunigunde im Blut. Er kann das Dorfleben auch mit eindrucksvollem Groove bereichern. Wo sonst Vereine, Turnschuhe und Chöre die Haferbachhalle beleben, stand der Sonntagabend ganz im Zeichen des Jazz.
Drei Bands zeigten drei Sprachen desselben Idioms: den schwingenden Swing der Tradition, den faktensatten Funky-Jazz und die elektrische Traumhaftigkeit der Fusion der siebziger Jahre. So erlebten die Kaufunger einen unvergesslichen Abend. Unter der bewährten und charmant aufgeregten Leitung von Uli Große wurde klar: Jazz im Lossetal ist kein verstaubtes Intellektuellen-Hobby, sondern pure Lebensfreude. Das Konzert „auch mal was mit Swing“ versprach „Drei Bands in der Sprache des Jazz“. Genau das bekam das Publikum. Eine musikalische Achterbahnfahrt deluxe. Man sitzt da, denkt sich: „Ach, bestimmt entspannter Chill-Sound“ – und plötzlich wirbeln Saxophon und Trompete durch den Raum. Die Musiker schauen sich an, nicken geheimnisvoll und legen dann los mit Improvisationen, die selbst den eingefleischten Jazzhasser zum Mitwippen bringen. Zwischendurch gibt’s lässige Soli, die so cool sind, dass man am liebsten eine Sonnenbrille aufsetzen würde – auch wenn drinnen gespielt wird. Und die Haferbachhalle? Sie zeigte sich als würdige Bühne – ein Ort, an dem Jazz nicht Gast ist, sondern Einwohner.
Die lokale All-Star-Truppe "Swing Connection" eröffnete den Abend. Die Herrschaften, darunter eine Dame, legten ein Fundament hin, das so solide war wie das Fundament der Stiftskirche. Uli Große wagte sich mit einem eigenen Arrangement an das stimmlich schwierige Stück „Roxanne“ der Gruppe Police heran. Er bewies, dass er sogar mit der Kopfstimme nahe an das Original herankommen kann. Unterstützt wurde er dabei von Martin, der mit seinem Tenorsaxophon solistische Qualitäten zeigte. Dazu kamen Ludger am zweiten Tenor- und Petra am Alt-Saxophon. Der Abend versprach ein musikalisches Erlebnis. Schon beim zweiten Stück, „Ain´t no sunshine“ aus dem Jahr 1971, gab Große wieder den Ton an. Diesmal versuchte er sich am Soul von Bill Withers. Das Kaufunger Swing-Project wurde noch ergänzt vom zweiten Martin an den Drums und Mark an der Gitarre, der in dieser Gruppe sein Debüt gab.
Nach einer kurzen Umbaupause übernahmen die „Swing Facts“, das Bandprojekt der Musikschule Kassel. Junge Talente in großer Besetzung servierten Rock- und Popklassiker im Stil des Swing. Knackige Bläsersätze mit vier Saxophonen, zwei Trompeten und einer Posaune entstaubten die Haferbachhalle quasi im Alleingang. Uli Große hielt den Laden auch hier souverän zusammen, während die Solisten zeigten, dass sie ihre Instrumente nicht erst seit gestern unterm Arm tragen. Dazu kamen vier Sängerinnen. Sie brachten das Publikum in der völlig überfüllten Halle auf Betriebstemperatur.
Bei „Thriller“ von Michael Jackson wurde die Gesangsstimme von Sophia teilweise übertönt. Dafür gab es Szenenapplaus und standing ovations für Philipp an der Posaune. Dann kamen mit dem Stück „Happy“ junge Sängerinnen auf die Bühne. Helena, Luana und Lenya brachten zusammen mit Sophia einen Glanz, den Kaufungen in dieser Konstellation noch nie erlebt hat. Schon jetzt war jedem Besucher klar: Es wird ein denkwürdiger Abend, der weit über Kaufungen seinen Widerhall finden wird.
Den krönenden Abschluss lieferte die Band von Winni Borgolte. Sie beschloss das Konzert mit einer Hommage an die Fusion-Musik der siebziger Jahre. Man fühlte sich zurückversetzt in eine Zeit, als Jazz, Rock und elektronische Klänge eine wilde Hochzeit feierten. Die fünf Profimusiker und Musiklehrer aus Kassel und dem Umland mixten virtuos Elemente aus Jazz, Rock und Funk.
Die Fusion-Musik der siebziger Jahre traf genau den richtigen Ton. Viel elektrischer Sound, die breiten Keyboardflächen von Thomas Krug, die druckvollen synkopierten Basslinien und Rhythmen von Uli Große, dazu der Wah-Wah-Sound von Gitarrist Sebastin Leffler und das Saxophon von Peter Zingrebe bewiesen einmal mehr: Der Jazz war in der Haferbachhalle nicht zu Gast, er wohnte hier. Besonders bei Zingrebe, der schon 1986 beim Jazzfestival in Leverkusen auftrat, erlebten die Kaufunger ein entfesselndes Saxophon. Der studierte Musiker setzte hier seinen ganzen Körper ein. Das kam besonders bei den Stücken des schottischen Komponisten Richard Elliot zum Tragen. Bei dem Stück „Gigabyte“ des amerikanischen Keyboarders Jeff Lorber glänzten Thomas Krug und Große, unser Kaufunger Aushängeschild für professionelle Musik, als Solisten.
Die Eigenkomposition von Krug, „Don't stop“, zeigte am Schluss, wie frisch und lebendig diese musikalische Fusion heute noch klingt. Die Mischung aus der rhythmischen Komplexität von Rock und Pop und der harmonischen Freiheit des Jazz war der perfekte Rausschmeißer, im besten Sinne, für diesen Abend, der definitiv mehr als eine Hutgage verdient hätte. Man geht raus mit dem Wunsch: „Wann ist das nächste Konzert? “ Das ist das höchste Lob, das ein Jazzabend bekommen kann.
(hgp)