Erinnern, Verstehen, Handeln - Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag in Kaufungen

In Kaufungen wurde der Volkstrauertag auch in diesem Jahr mit mehreren würdevollen Gedenkfeiern begangen. In Niederkaufungen begann der Tag mit einem Gottesdienst in der Evangelischen Kirche, den Pfarrer i.R. Gottfried Bormuth leitete. Im Anschluss versammelten sich Bürgerinnen und Bürger am Mahnmal auf dem Kirchplatz, um der Toten von Krieg und Gewalt zu gedenken. Der Erste Beigeordnete Stefan Röttger hielt die Ansprache und sprach das Totengedenken. Anschließend legten die Beigeordneten Silke Does und Pascal Podtschaske einen Kranz am Mahnmal nieder. Für die musikalische Umrahmung sorgte der Posaunenchor Niederkaufungen, der mit besinnlichen Stücken zur Atmosphäre des Gedenkens beitrug.

In Oberkaufungen fand der Gottesdienst zum Volkstrauertag in der Winterkirche im Stephanushaus statt. Pfarrerin Dr. Christina Bickel gestaltete diesen von ihr konzipierten besonderen Gottesdienst mit dem Titel „Zwischen Angststillstand und Freiheitsfeuer“ gemeinsam mit Bürgermeister Arnim Roß. Im Mittelpunkt standen Mut und Meinungsfreiheit – ein Thema, das beide als hochaktuell beschrieben: Obwohl freie Meinungsäußerung in Deutschland stark geschützt ist, zeigen Umfragen, dass mehr als die Hälfte der Menschen das Gefühl haben, nicht frei sprechen zu können.

In einer Dialogpredigt stellten Dr. Bickel und Roß Erfahrungen des biblischen Propheten Jeremia Überlegungen des Philosophen Richard David Precht gegenüber. Sie zeigten Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen während der vergangenen documenta 15, der Corona-Pandemie, des Ukraine-Kriegs und des Israel-Palästina-Konflikts auf. Dr. Bickel betonte: „Wir fordern Toleranz, aber vertragen keine Differenz.“ Bürgermeister Roß ergänzte: „Wir brauchen wieder Mut zur Nuance, Zwischentöne statt Schwarz oder Weiß – eine nüchterne Freundlichkeit, die zuhört, prüft, respektiert.“ Beide zogen das gemeinsame Fazit: Eine freie Gesellschaft brauche die Weisheit, verantwortungsvoll zu sprechen, die Demut, auch einmal Unrecht zu haben, und den Mut, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten.

Nach dem Gottesdienst versammelten sich die Teilnehmenden am Mahnmal auf dem Friedhof Oberkaufungen. Mitglieder des Musikzugs Kaufungen begleiteten die Zeremonie musikalisch.
In seiner Ansprache ging Bürgermeister Arnim Roß noch einmal tiefer auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit ein. Viele Menschen hätten Angst vor den sozialen Folgen ihrer Worte und zögen sich deshalb aus Diskussionen zurück. Diese Verunsicherung mache die Gesellschaft anfällig für einfache Antworten und Abschottung. Dennoch: „Gerade am Volkstrauertag fordert uns dieser Gesellschaftszustand auf zum Handeln, denn in der Geschichte begann vieles mit Angst – vor dem Fremden, vor Kontrollverlust, vor Identität. Aus Angst entstanden Feindbilder, Hass und Gewalt.“ Der Volkstrauertag erinnere daran, solche Mechanismen zu durchbrechen. Roß betonte, dass sich Kaufungen mit vielen Initiativen klar zu Demokratie, Vielfalt und Frieden bekenne – von der Reihe „Demokratie fördern – Vielfalt leben“ über die europäischen Städtepartnerschaften bis hin zum „Friedenspfad Kaufungen“. Ein besonders bedeutender Schritt sei in diesem Jahr die Verlegung der ersten Stolpersteine in Kaufungen gewesen.

Roß fasste zusammen: „Erinnern, um zu Verstehen. Verstehen, um zu Handeln. Handeln, um zu verhindern, dass sich Geschichte wiederholt. Das ist Aufgabe unseres Gedenkens!“ Zum Abschluss verlas er das Totengedenken des Bundespräsidenten – eine Erinnerung an die Opfer der Weltkriege, des Nationalsozialismus, von Vertreibung und Gewalt. Zugleich rief er dazu auf, diese Erinnerung als Auftrag für die Zukunft zu verstehen, im Geist der Versöhnung und des Friedens zu handeln. Gemeinsam mit den Beigeordnete Arndt-Elfried Grodzicki und Reinhard Zymzak legte er einen Kranz am Mahnmal nieder.

Die Gedenkfeiern in Kaufungen machten deutlich, dass das Erinnern an die Opfer von Krieg und Gewalt untrennbar verbunden ist mit der Verantwortung, die demokratische Kultur zu stärken und für eine freie, friedliche Gesellschaft einzustehen.       Isa