Kaufunger Stiftssommer 2026: Leidenschaftlicher Tango in der Zehntscheune

In der stimmungsvollen, vollbesetzten Zehntscheune erlebten die Besucherinnen und Besucher am Freitag einen besonderen musikalischen Abend: Anja Baldauf am Akkordeon, Dennis Wendel am Kontrabass, Raffael Müller an der Swing-Gitarre und Stefan Baldauf am Schlagzeug präsentierten das ORCHESTRA MONDO – ein Quartett, das mit eigener Tonpoesie verzauberte. Die Musikerinnen und Musiker ließen die 30er Jahre mit virtuosen Improvisationen und emotionalen Klängen lebendig werden. Die Melodien erzählten Geschichten – mal zart und flüsternd, mal kraftvoll und energiegeladen – und entführten die Zuhörer ins pulsierende Herz der Pariser Bohème.

Das Repertoire des ORCHESTRA MONDO zeigte sich so abwechslungsreich wie beeindruckend: Gypsy-Swing, traditioneller Valse-Musette, Balkan-Klänge, Filmmelodien und leidenschaftlicher Tango verschmolzen zu einem unverwechselbaren Sound. Die Band bewies, wie sie trotz individueller Virtuosität stets als Einheit klang. Jeder ein Solist, doch gemeinsam atmeten und lebten sie Musik.

Schon der Auftakt mit einem Tango von Astor Piazzolla zeigte: Hier spielen Musiker, die ihr Handwerk nicht nur beherrschen, sondern leben. Anja Baldauf brachte mit Akkordeon und Melodika klangliche Weite und feine Nuancen ein und führte das Publikum charmant durch den Abend. Dennis Wendel bearbeitete seinen fünfsaitigen Kontrabass mit Leidenschaft – mal mit dem Bogen gestrichen, mal wild gezupft. Raffael Müller glänzte mit Soli auf der Jazzgitarre, Stefan Baldauf sorgte mit Trommelbürsten am minimalistischen Drumset für rhythmische Tiefe. So entstand eine mitreißende, intensive Klangwelt.
Danach führte die Reise ins Berlin der 30er-Jahre. Für Anja Baldauf eines der schönsten Lieder: „Bel Ami“ von Theo Mackeben.

Im Lauf des Abends entführte das ORCHESTRA MONDO das Publikum immer wieder in neue Klanglandschaften. Die Musettes, mit ihrem nostalgischen Flair, ließen Bilder französischer Straßencafés entstehen. Die Balkan-Stücke entfalteten wilde Energie, animierten zum Tanzen und sorgten für Gänsehaut.
Beim Valse De L‘Amatie glänzte die studierte Akkordeonspielerin, die sich selbst als Tango-Tante bezeichnete, mit einer eigenen Komposition. Gitarrist Raffael Müller stand ihr in nichts nach und widmete ein gefühlvolles Stück seiner am 28. Mai geborenen Tochter.
Für den nächsten Tango ging es in die 20er-Jahre zu Pietro Frosini, einem der ersten Stars des Akkordeons. Das Quartett spielte mit „Il sorriso d‘amore“ das berühmte Liebeslied für eine Umworbene, die ihn jedoch abblitzen ließ.

Kurze Soli leiteten eigene musikalische Geschichten ein und schufen so spontane, unverwechselbare Momente. Das Publikum belohnte diese Kreativität mit begeistertem Applaus. Besonders spürbar wurde das bei den Stücken von Django Reinhardt, dem ersten Sinti-Gitarristen von Weltruhm. Das zweite Reinhardt-Stück des Abends, nach dem Krieg komponiert, verband Müller mit der Ansage zu diesem Werk mit einem Appell, die demokratischen Kräfte gegen rechts zu stärken, was das Publikum mit großem Beifall quittierte.
Die besondere Atmosphäre des Abends entstand auch, weil alle Musiker ihre Leidenschaft für die Musik lebten und mit großer Präsenz vermittelten.
Man spürte, wie viel Freude ihnen das gemeinsame Musizieren bereitete, wie viel Herzblut in jeder Note steckte. Das ORCHESTRA MONDO überzeugte mit spielerischer Leichtigkeit, technischer Raffinesse und tiefer emotionaler Verbundenheit zur Musik. Wer an diesem Abend dabei war, nahm nicht nur musikalische Höhepunkte mit nach Hause, sondern auch das Gefühl, auf einer magischen Reise gewesen zu sein – begleitet von der faszinierenden Klangvielfalt eines Quartetts, das seine Instrumente liebt und mit ihnen Geschichten erzählt, die noch lange nachhallen.

Hans-Gerhard Pfaff