Kunigundentag 2026 – „Geschichte bleibt nur lebendig, wenn wir sie erzählen“
Der Kunigundentag gehört seit 40 Jahren zu Kaufungen – in 2026 wurde er gemeinsam durch die Evangelische Kirchengemeinde Oberkaufungen, das Ritterschaftliche Stift und die Kunigundengemeinde bewusst weiterentwickelt und erstmals zusammen ausgerichtet.
An diesem besonderen Kunigundentag in 2026, nachdem im vorangegangenen Jahr 1000 Jahre Stiftskirche und die Verleihung der Zusatzbezeichnung Kunigundengemeinde gefeiert wurden, wurde ein vielfältiges Programm in der Stiftskirche geboten, das Impulse für die Zukunft der Gemeinde gab. Unter den Ehrengästen befanden sich Staatsminister Timon Gremmels, Bundestagsmitglied Daniel Bettermann und Landtagsmitglied Anna-Maria Schölch.
Die Gäste wurden mit einem Sektempfang vor der Stiftskirche an der Kunigundenskulptur begrüßt. Für eine gelungene musikalische Eröffnung sorgte der Posaunenchor unter der Leitung von Carsten Noll, der auch zwischen den Redebeiträgen feierliche Stücke, wie etwa Beethovens "Ode an die Freude", spielte.
Bürgermeister Arnim Roß und Pfarrerin Dr. Christina Bickel eröffneten gemeinsam den Kunigundentag. „Feste erzählen Geschichten. Sie erinnern uns daran, wo wir herkommen, was uns verbindet und was unsere Gemeinschaft ausmacht“, so Roß. Der Kunigundentag sei aber kein Blick zurück aus Nostalgie – „Geschichte bleibt nur lebendig, wenn wir sie erzählen“, stellte Roß klar. Pfarrerin Dr. Christina Bickel verwies darauf, dass Kunigunde uns daran erinnert, dass Geschichte auch von starken Frauen geschrieben wurde. Ihr Leben macht Mut, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft mitzugestalten.
Der Hessische Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Timon Gremmels, schloss sich dem an und sagte: „Erinnerungskultur bedeutet, Geschichte immer wieder neu zum Sprechen zu bringen – durch Menschen, durch Kunst, durch Musik, durch Begegnungen und durch Orte wie diesen. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung der Stiftskirche.“ Außerdem nutzte Minister Gremmels den Moment und überreichte Arnim Roß feierlich einen Förderbescheid für die Stiftssommer-Veranstaltungen der Kunigundengemeinde über 5000 Euro.
Der Obervorsteher des Stifts Kaufungen, Henn-Wolfram Riedesel Freiherr zu Eisenbach, nannte die Stiftskirche ein „steinernes Glaubensbekenntnis“. Die Aufgabe des Ritterschaftlichen Stifts sähe er nicht nur in der baulichen Erhaltung des Areals, sondern auch darin, einen Raum zu bewahren, in denen das Evangelium die Herzen der Menschen erreichen könne.
Nach diesen berührenden Worten hielten Pfarrerin Dr. Christina Bickel und Bürgermeister Arnim Roß einen Dialog über Europa, in dem sie feststellten, dass Orte Geschichten bewahren und die Stiftskirche als das Herz der Kunigundengemeinde in ihrer Bedeutung über Kaufungen hinausführe.
Sie erzähle von Kultur, von Europa als Gespräch - denn in einem Gespräch kämen viele verschiedene Stimmen zusammen. „Nicht alle sagen dasselbe“, so Christina Bickel. „Und doch hören sie einander zu – vielleicht ist das die eigentliche kulturelle Kraft Europas.“ Die Stiftskirche bündelt und erzählt von Kultur, etwa mit ihren lateinischen Inschriften, durch ihre Secco-Malereien, in Geschichten jüdischer und christlicher Traditionen, in Spuren antiken Denkens, und in Wissen, das durch die arabisch-islamische Gelehrsamkeit bewahrt, übersetzt und weitergegeben wurde. In dem Gespräch zeigte sich – Europa entstand nicht aus einer einzigen Quelle, es ist gewachsen, indem Menschen voneinander gelernt haben. Bickel und Roß betitelten Europa als Text, der von Generation zu Generation weitergeschrieben werde.
„Kulturelle Kraft erkennt man daran, dass Menschen etwas nicht nur bewahren wollen, sondern mit neuer Bedeutung füllen, wie etwa die Stiftskirche oder die Städtepartnerschaften“, sagte Christina Bickel. Europa entstehe da, wo Menschen Geschichten, Bilder und Hoffnungen miteinander teilten, schlossen Roß und Bickel.
Weitere anregende Impulse über Kunigunde in Europa lieferten die Künstlerin Karin Bohrmann-Roth, die die Kunigundenskulptur schuf, sowie Carmen Jelinek, Dekanin i.R. und Vorsitzende des Fördervereins Stiftskirche.
Für Karin Bohrmann-Roth gehörte die Gestaltung der Kunigundenskulptur zu den größten Aufträgen ihres Schaffens. Besonders inspiriert habe sie der blaue Sternenmantel Kaiser Heinrichs II. aus Bamberg. Ihn auf Kunigunde zu übertragen, sei eine bewusste künstlerische Entscheidung gewesen, um ihre enge Verbindung zu Heinrich II. und ihre historische Bedeutung sichtbar zu machen, so Bohrmann-Roth.
Carmen Jelinek nahm die Zuhörenden mit auf eine Reise mit Kunigunde durch Europa – „Zwar gab es vor über 1000 Jahren noch keine Nationalstaaten wie heute“, so Jelinek. „Trotzdem entstand damals etwas, das wir als frühes Europa bezeichnen können. Ein Europa gemeinsamer Kultur, gemeinsamer Religion und gemeinsamer Beziehungen – mit dem Christentum als wichtigste verbindende Kraft.“ Kunigunde war keine Herrscherin mit festem Regierungssitz, sondern zog mit ihrem Königshof durch das Reich. Durch ihren weiten Lebensweg von Luxemburg über Bamberg bis nach Rom und schließlich Kaufungen könne man sie heute als europäische Persönlichkeit des Mittelalters betrachten, so Jelinek.
Zu dem abschließenden Teil des Programms leiteten Karin Völker an der Querflöte und Rainer Salwiczek-Pfeifer an der Gitarre mit einem lyrischen Walzer über. Mit einer Ansprache über den Wert von Erinnerung schufen Carmen Döll als Kaiserin Kunigunde sowie Matthias Hörner als Kaiser Heinrich, beide vom Mittelalterverein Kaufungen e.V., eine hervorragende Grundlage für eine besondere Filmvorführung: Das Projektteam Zeitkapsel, bestehend aus Silke Does, Herby Frank Oppermann, Ute Strube und Christina Bickel, stellte für die Zeitkapsel Pressematerialien, Zeitungsartikel, Fotografien und weitere Zeugnisse aus dem Jubiläumsjahr 2025 in einem Buch zusammen. Die Dokumente halten die zahlreichen Veranstaltungen und das vielfältige Engagement rund um das Stiftskirchenjubiläum fest und geben den Menschen des Jahres 2525 einen Einblick in das festliche Leben Kaufungens.
Da der Archivturm des Westwerks nur wenigen Personen Platz bietet, wurde der Einmauerungsprozess der Zeitkapsel in einem Kurzfilm für alle Gäste erlebbar gemacht. Herby Frank Oppermann dokumentierte dafür die Zusammenstellung der Materialien, die Zusammenarbeit mit den beteiligten Handwerksbetrieben sowie das Einmauern der Zeitkapsel im Archivturm des Westwerks der Stiftskirche. Die Zeitkapsel soll erst im Jahr 2525 wieder geöffnet werden.
Im Anschluss folgten virtuos weitere musikalische Darbietungen in einer Mischung aus französischem Impressionismus und brasilianischer Folklore von Rainer Salwiczek-Pfeifer und Karin Völker, die das Publikum begeisterten und die festliche Stimmung zum Ausdruck brachten. Das Kaiserpaar sowie Bürgermeister Arnim Roß richteten noch ihren Dank an alle Mitwirkenden des Kunigundentags.
Bei einem Come Together bot sich den Gästen anschließend die Möglichkeit, sich bei Finger Food über das Programm auszutauschen. Außerdem hatten sie die Gelegenheit, das Zeitkapselbuch sowie ausgewählte Materialien der Zeitkapsel zu betrachten. Eine von Thomas Meth zusammengestellte Bildpräsentation ließ die Höhepunkte des Jubiläumsjahres 2025 noch einmal lebendig werden und veranschaulichte zugleich die Inhalte der Zeitkapsel.
Um 19 Uhr bildete das Festkonzert "KlangErkundungen" mit der international renommierten Cellistin Tatiana Gracheva und dem Organisten Peer Schlechta den stimmungsvollen Abschluss des Kunigundentages 2026. Mit Orgelimprovisationen - darunter über den Choral "Geh aus, mein Herz und suche Freude" - sowie dem klangvollen Zusammenspiel von Violoncello und Orgel spannten die beiden einen musikalischen Bogen durch die europäische Musiktradition. Einen besonders bewegenden Schlusspunkt setzte Tatiana Gracheva mit einem ukrainischen Friedenslied auf dem Violoncello. So klang der Kunigundentag 2026 hoffnungsvoll aus.