St. Martin auf dem Mitteltalhof: Bürgermeister Arnim Roß löste Wette ein

Der Martinsumzug der Evangelischen Kirche Oberkaufungen stand in diesem Jahr unter einem besonderen Stern: Bürgermeister Arnim Roß löste eine verlorene Wette ein. Im Sommer hatte er bei den Feierlichkeiten zu „1000 Jahre Stiftskirche“ noch hoffnungsvoll gerufen: „Wir schaffen das, ganz Kaufungen steht hinter mir! “ Damals sollten tausend Kaufungerinnen und Kaufunger Hand in Hand die Kirche umrunden – eine Menschenkette für die Geschichte und den Geschmackssinn. Denn bei Erfolg winkten frisch gebackene Waffeln, die Lena und Gabi Batz sowie Johanna und Julia Jeschke vom Team der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit vor dem Rathaus backen würden. Doch Roß setzte mehr aufs Spiel: Sollte die Kette scheitern, würde er beim Martinsfest den Bettler spielen. „Haltet euch fest – und die Kirche gleich mit. Zur Belohnung gibt es Waffeln! “ rief er. Doch am Ende fehlten 57 Menschen. Die Aktion war zwar ein liebevoller Ausdruck von Gemeinschaft, doch die Wette war verloren. Und da Wettschulden Ehrenschulden sind, schlüpfte der Bürgermeister am Martinstag in die Rolle des Bettlers.

Als letzte Woche der Novemberabend an diesen besonderen Martinstag am Mitteltalhof in Dämmerlicht hüllte und die Laternen der Kinder wie kleine Sterne leuchteten, entstand eine warme, stimmungsvolle Atmosphäre. Über 200 Erwachsene und Kinder zogen mit ihren Laternen rund einen Kilometer tief in den dunklen Kaufunger Wald. An der Spitze ritt Marlon als heiliger Martin auf einem Pferd, gehüllt in einen roten Mantel, der im Laternenlicht schimmerte. Die Kinder blickten bewundernd zu ihm auf, viele standen zum ersten Mal einem Pferd so nah. Dahinter spielte Pfarrer Martin Abraham auf dem Cornett bekannte Laternenlieder wie „Ich geh mit meiner Laterne“. Die selbstgebastelten Laternen der Kinder tauchten den Waldweg in farbiges Licht.

Zurück auf dem Mitteltalhof leitete Pfarrer Abraham die Sankt-Martins-Andacht mit dem Kehrvers: „Gott ist mein Licht, wenn es finster ist. Gott ist mein Schutz, wenn ich Angst habe. “Pfarrerin Christina Bickel und Gemeindevorstandsmitglied Gabi Batz hielten kurze Ansprachen. „Schaut euch um“, sagte Bickel. „Die bunten Laternen leuchten, das Pferd wiehert, und die Abendluft trägt ein Gefühl von Wärme und Gemeinschaft. Heute Abend erleben wir eine Geschichte, die zeigt, wie wichtig es ist, hinzuschauen, zu helfen und verbunden zu sein.“ Eindrucksvoll erzählten sie die Legende des heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Am großen Feuer wurde diese Geste symbolisch nachgestellt. Bürgermeister Roß spielte den Bettler, zitternd vor Kälte, während andere – ein Kaufmann und eine Bäuerin, dargestellt von Mila Henning und Frida Reich – achtlos an ihm vorbeigingen. Doch Martin, ohne Geld in der Tasche, zog sein Schwert und teilte seinen Mantel, um dem Bettler zu helfen. „Wie Martin seinen Mantel geteilt hat, wollen auch wir teilen“, hieß es. Damen verteilten Martinsbrötchen, die jeder mit seinem Nachbarn teilte.
Zum Abschluss sprach Pfarrer Abraham ein Dankesgebet: „Guter Gott, wir danken dir für diesen besonderen Abend, für das Licht und die Wärme, die wir teilen dürfen. Danke, dass wir von St. Martin lernen, Freude, Schutz und Nähe zu schenken. Hilf uns, hinzuschauen, mitzufühlen und Verantwortung füreinander zu übernehmen. Amen.“

Für viele Teilnehmer wird dieser Martinsumzug unvergesslich bleiben – nicht zuletzt wegen des Bürgermeisters, der als Bettler überzeugte. Der Abend klang aus im Duft von Kinderpunsch, Glühwein und selbstgebackenem Kuchen. Am Ende trugen die Kinder ihre Laternen heim, als trügen sie Funken einer alten Botschaft: Licht kann man teilen – und es wird nur mehr.
(hgp)