Ein Abend voller Magie: Konzert von Raphaela Gromes und Julian Riem
Wer das Glück hatte, im Rahmen der Kaufunger Konzerte in der fast ausverkauften Stiftskirche zu sitzen, gehörte zweifellos zu den Privilegierten. Die Cellistin Raphaela Gromes, eine der führenden Künstlerinnen Europas, und der Pianist Julian Riem boten nicht nur meisterhaftes Spiel, sondern schufen ein Erlebnis, das tief berührte. Es war ein Abend voller Magie.
Von Beginn an war klar: Hier geschah Außergewöhnliches. Raphaela Gromes, bekannt für ihre expressive Spielweise und technische Perfektion, fesselte das Publikum sofort. Julian Riem am Klavier ergänzte sie mit einfühlsamer Begleitung und virtuosem Solospiel. Gemeinsam erzählten sie musikalische Geschichten, die den Raum erfüllten und die Zeit stillstehen ließen. Die Münchner Cellistin ließ ihr Instrument mit solcher Präzision und Ausdruckskraft erklingen, dass die Musik zu einem Fest wurde. Das Duo spannte einen Bogen vom meditativen Mittelalter, vertreten durch Hildegard von Bingen, bis zur Früh- und Spätromantik. Zu hören waren Werke von Maria Szymanowska (3. Nocturne Sonate), einer Pionierin des Nocturnes, sowie von Luise Adolpha Le Beau und Henriëtte Bosmans. Bei der Cello Sonate der Holländerin Bosmanns wurden die zarten Melodien mit ausdrucksvoller Mimik der 35-Jährigen Cellistin mit Hingabe präsentiert.
Die lange von männlicher Ignoranz geprägte Geringschätzung weiblicher Komponistinnen wirkte angesichts dieses Abends beschämend. Raphaela Gromes und Julian Riem präsentierten Meisterwerke, die in Konzertführern oft fehlen, aber in der exzellenten Akustik der Stiftskirche als klangliche Offenbarungen beeindruckten.
Das Publikum genoss eine intime Atmosphäre, in der jeder Ton und jede Nuance unverfälscht zu hören war. Anders als in großen Sälen wie der Elbphilharmonie oder dem Mozarteum von Salzburg, wo die Cellistin oft zuhause ist, saßen die Zuhörer hier so nah, dass sie jeden Atemzug und jede Bewegung der Künstler miterlebten. Die Stuhlreihen reichten bis unmittelbar vor die Bühne, was das Konzert zu einem Erlebnis für alle Sinne machte. Das Kaufunger Publikum erlebte, wie zwei Künstler auf höchstem Niveau miteinander kommunizierten – nicht nur musikalisch, sondern auch durch Blicke, Gesten und eine spürbare gegenseitige Wertschätzung. Dieses Zusammenspiel zeigte, dass das Konzert mehr war als eine Aufführung: Es wurde zum lebendigen Dialog zwischen Künstlern und Zuhörern.
Die Spannung war greifbar, wenn Raphaela Gromes ihren Bogen über die Saiten gleiten ließ und Julian Riem mit filigranen Läufen antwortete. Jeder Klang war präzise gewählt, jede Pause perfekt gesetzt. Solche Kunstfertigkeit live zu erleben, weckte Begeisterung und Ehrfurcht zugleich.
Zwischen den Stücken führte die prominente Judith Rakers durch das Programm. Mit Charme und Wissen erzählte sie von den Kompositionen und den Künstlern, was das Publikum mit langem Applaus würdigte. Gemeinsam mit Gromes und Riem begab sie sich auf Spurensuche nach vergessenen Komponistinnen. Die TV-Moderatorin las aus Gromes’ Buch „Fortissima! “ und beleuchtete das Leben dieser faszinierenden Frauen. Das Konzert knüpfte an den Erfolg des Albums „Femmes“ an, mit dem Gromes bereits zuvor vergessene Komponistinnen ins Rampenlicht gerückt hatte. Es verband Musik und Lesung zu einem eindrucksvollen Ganzen.
Dieser Abend war eines der Highlights der Saison 2026 – musikalisch und literarisch eine Wiederentdeckung. Frauen, die die Musikgeschichte prägten, aber oft vergessen wurden, erhielten hier eine Bühne. Hochvirtuos, leidenschaftlich und charmant – kaum jemand begeistert sein Publikum wie Raphaela Gromes. Seit 2012 steht sie mit Julian Riem erfolgreich auf internationalen Bühnen. Bei der Zugabe rief sie zu einem Gebet für die Ukraine auf und spielte ein ukrainisches Stück, das sie mit ihrem 1740 gebauten Cello verschmelzen ließ.
Wer an diesem Abend dabei war, erlebte etwas Einzigartiges – ein Konzert, das musikalisch und menschlich auf höchstem Niveau stattfand. Die Verbindung aus Gromes’ leidenschaftlichem Cellospiel und Riems virtuosem Klavierspiel machte diesen Abend zu einem Schatz, den nur die Anwesenden heben durften. Als der letzte Ton verklang und der Applaus minutenlang anhielt, wurde klar: Dieses Konzert, das mit 10.000 Euro der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen gefördert wurde, wird noch lange nachhallen.
(hgp)