Europa beginnt vor der eigenen Haustür – Kaufunger Bürgerabend zum Gemeindehaushalt rückt Städtepartnerschaften und Netzwerke in den Fokus

Was haben ein Wandgemälde, eine Reise nach Italien, Klimaschutz und historische Ortsbeziehungen gemeinsam? Sie alle zeigen, wie viel entstehen kann, wenn Menschen und Gemeinden miteinander in Verbindung treten. Doch warum sind Netzwerke und Städtepartnerschaften für Kaufungen wichtig? Welche gibt es eigentlich – und wie werden sie mit Leben gefüllt? Diesen Fragen widmete sich der diesjährige Bürgerabend zum Kaufunger Gemeindehaushalt 2027. Rund 50 Interessierte kamen im Bürgerhaus Kaufungerwald zusammen, um die vielfältigen Verbindungen der Gemeinde kennenzulernen und zugleich einen Blick auf die finanziellen Rahmenbedingungen zu werfen.

„Unsere jährlichen Bürger*innenhaushalte haben wechselnde Themenschwerpunkte. Seit 2010 dienen sie dazu, Informationen zu geben und mehr Transparenz in die komplexen Sachverhalte des Gemeindehaushaltes zu bringen. Bürgerinnen und Bürger haben hier die Möglichkeit, sich zu informieren, mitzugestalten und Personen, Organisationen und Projekte kennenzulernen, die sich mit dem Thema befassen“, begrüßte Bürgermeister Arnim Roß die Gäste.


Von gelebter Freundschaft bis zum gemeinsamen Klimaschutz

Locker und unterhaltsam führte Katharina Reinhold, Koordinatorin für Bürger*innenbeteiligung, in das Thema ein. Wer interessierte sich vor allem für die Haushaltszahlen, wer für die Netzwerke? Die spontane Abstimmung zeigte ein ausgewogenes Bild. Besonders groß war jedoch das Interesse an den Städtepartnerschaften, die sich in Kaufungen in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt haben.

Neben Bertinoro in Italien und Budești in der Republik Moldau hat Kaufungen in den vergangenen zwei Jahren Partnerschaften mit Wojcieszów in Polen und Breuillet in Frankreich geschlossen. Vier Partnergemeinden, vier Länder – und viele Möglichkeiten, über Grenzen hinweg Freundschaften zu schließen, voneinander zu lernen und Europa im Alltag erlebbar zu machen.

„Europa beginnt von unten“

Warum sind Städtepartnerschaften für eine Gemeinde so wichtig? Diese Frage richtete Katharina Reinhold im anschließenden Interview an Bürgermeister Arnim Roß. Der blickte zunächst auf die europäische Geschichte zurück: „Früher führten Völker Krieg gegeneinander. Seit 1945 leben wir weitestgehend in Frieden. Gleichzeitig verschiebt sich das Machtverhältnis großer Staaten immer weiter. Wir dürfen in Europa nicht in Kleinstaaterei verfallen – wir brauchen ein gemeinsames Europa, damit wir unsere Interessen in der Welt durchsetzen können.“ Städtepartnerschaften seien dafür ein hervorragendes Instrument. „Europa beginnt von unten. Partnerschaftsarbeit ist Friedensarbeit. Es sind die Begegnungen an der Basis, die wichtig sind“, betonte Roß.

Wie das in der Praxis aussieht, erläuterten die Vorstandsmitglieder des Partnerschaftskomitees Iris Sager, Bärbel Schmeltzer, Arnim Roß und Karl Hellmich an ihrem Informationsstand. Sie berichteten von bisherigen Projekten und den nächsten Vorhaben. Für das kommende Jahr sei eine Reise nach Breuillet geplant, bei der auch die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet werden soll, kündigte Iris Sager an. Auch die traditionelle Fahrt nach Bertinoro am ersten Septemberwochenende solle wieder stattfinden. Ein besonderer Anlass steht bevor: „Nächstes Jahr feiern wir 30 Jahre Partnerschaft mit Bertinoro“, berichtete Bärbel Schmeltzer.

Die langjährige Partnerschaft mit der italienischen Gemeinde hat neben vielen gegenseitigen Besuchen bereits zahlreiche gemeinsame Projekte hervorgebracht. Ein besonders sichtbares Zeichen sind die 2026 entstandenen Wandgemälde „Die Umarmung“, die in Kaufungen und in Bertinoro zu sehen sind. Das deutsch-italienische Bandprojekt „Rock E45“ bringt Menschen über die Musik zusammen und zeigt, wie gerade junge Menschen von internationalen Begegnungen profitieren können.

Netzwerke für Ideen und Erfahrungsaustausch

Nicht jedes Netzwerk verbindet Gemeinden über Landesgrenzen hinweg. Manche schaffen vor allem Raum für Austausch, neue Ideen und gemeinsames Handeln vor Ort. Katharina Reinhold stellte das Netzwerk „Engagierte Stadt“ vor, in dem sie Kaufungen als Koordinatorin für Bürgerbeteiligung vertritt. Das Netzwerk bietet Städten und Gemeinden aus ganz Deutschland ein Fachforum rund um Engagement und Beteiligung. „Wir haben daraus schon viele gute Ideen aufnehmen können, aber auch viele Ideen weitergeben können“, erklärte Reinhold. Der Austausch helfe dabei, Erfahrungen zu teilen und neue Ansätze für die eigene Gemeinde zu entwickeln. Ähnlich sei es beim bundesweiten „Netzwerk Demokratie und Beteiligung“, bei dem der Fachaustausch rund um das Thema Bürgerbeteiligung im Fokus stehe.

In Kaufungen wird ehrenamtliches Engagement zudem durch die Engagement-Lotsen und die Di@-Lotsen gestärkt. Während die Engagement-Lotsen interessierten Menschen Brücken ins Ehrenamt bauen, unterstützen die Di@-Lotsen ältere Menschen bei Fragen rund um Digitales und bieten Informationen und Beratung, erläuterte Stefanie Kühn (Ehrenamtskoordinatorin). Beide Angebote zeigen, wie Netzwerke Menschen zusammenbringen und ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtern können.

Auch beim Klima- und Naturschutz setzt Kaufungen auf Zusammenarbeit. Klimaanpassungsmanager Julius Krause stellte die Netzwerke „Klima-Kommunen“, „Klima-Bündnis“ und „Kommunen für biologische Vielfalt“ vor. Die Mitgliedschaften ermöglichen den Austausch mit anderen Kommunen, eröffnen Zugang zu Erfahrungen und Ideen und stärken die gemeinsame Arbeit an ökologischen Herausforderungen und Klimaschutzthemen.

Dass Netzwerke auch touristisch viel bewegen können, brachte Hauke Homeier, Museumsleiter und Tourismusbeauftragter der Kunigundengemeinde zur Sprache. Durch die Beteiligung an der Kooperation „Burgen und Schlösser der GrimmHeimat Nordhessen“, der „Deutschen Märchenstraße“ und der „Deutschen Fachwerkstraße“ profitiert Kaufungen von gemeinsamer Öffentlichkeitsarbeit, größerer Sichtbarkeit und einem überregionalen Informationsaustausch. So werden regionale Besonderheiten über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt und Besucherinnen und Besucher auf Kaufungen aufmerksam.

Ein Blick weit zurück in die Geschichte eröffnete sich am Stand zum Thema „Nah- und Fernbesitz des ehemaligen Klosters“. Peter Groß vom Museums- und Geschichtsverein berichtete über historische Ortsbeziehungen und frühere Besitztümer Kaufungens. „Wir haben zur 1000-Jahr-Feier Kaufungens eine Arbeitsgruppe ‚Historische Beziehungen und Partnerschaften‘ gegründet. Seitdem besuchen wir diese Orte regelmäßig und halten Verbindung“, erklärte Groß. Auch hier zeigt sich: Beziehungen können über Jahrhunderte hinweg Spuren hinterlassen und durch gemeinsames Erinnern lebendig bleiben.

Was die Netzwerke kosten – und was sie ermöglichen

Im letzten Programmteil rückten die Zahlen in den Mittelpunkt. Bürgermeister Arnim Roß stellte den Haushaltsentwurf für 2027 vor und erläuterte die finanziellen Herausforderungen, vor denen die Gemeinde steht. „Die Wirtschaftskrise macht sich deutlich in unseren Haushaltszahlen bemerkbar – es ist gut, dass wir genügend Rücklage haben, um unser Defizit auszugleichen“, sagte Roß.

Kaufungen plant für 2027 mit Einnahmen in Höhe von 38.779.700 Euro und Ausgaben von 40.733.100 Euro. Das geplante Defizit von rund 1,95 Millionen Euro soll durch Mittel aus der Rücklage ausgeglichen werden.

Roß machte deutlich, wie wichtig eine wirtschaftliche Erholung für die kommunalen Finanzen wäre. Wenn Löhne und wirtschaftliche Leistung nicht wieder anstiegen, fehlten der Gemeinde weiterhin wichtige Einnahmen aus den Anteilen an der Einkommensteuer. Zudem müsse das Land Hessen die Kommunen stärker unterstützen – insbesondere bei den Beschäftigten in Kindertagesstätten und der Schulbetreuung. „Damit wäre vielen hessischen Kommunen sehr geholfen“, so der Bürgermeister.

Auch die Städtepartnerschaften haben ihren festen Platz im Haushaltsentwurf: Für diesen Bereich sind 34.500 Euro vorgesehen. Damit sollen zum Beispiel Kulturprojekte wie das musikalische Jugendprojekt „Rock E45“ unterstützt und Zuschüsse für Fahrten in die Partnerstädte ermöglicht werden.

Offene Fragen

Zum Abschluss hatten die Gäste Gelegenheit, weitere Fragen und Anregungen zum Haushaltsentwurf einzubringen. Dabei ging es auch um ein Thema, das die Gemeinde finanziell vor zusätzliche Herausforderungen stellt: die Bohr- und Verpressungsmaßnahmen infolge des Bergschadens im ehemaligen Oberkaufunger Bergbaugebiet. Ein Bürger wollte wissen, wie sich die Kosten dafür im Gemeindehaushalt niederschlagen. Bürgermeister Arnim Roß erläuterte, dass die Ausgaben für die notwendigen Gefahrenabwehrmaßnahmen in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro in einem zeitnah einzubringenden Nachtragshaushalt berücksichtigt werden sollen. Die Gemeinde müsse als Gefahrenabwehrbehörde für die erforderlichen Maßnahmen zunächst in Vorleistung gehen und werde die Kosten anschließend vom Verursacher zurückfordern.

Ob Städtepartnerschaft, Klimaschutz, Ehrenamt, Tourismus oder historische Verbundenheit – für Netzwerke braucht es Menschen, die sie aktiv gestalten. Und diese haben beim Bürgerabend zum Gemeindehaushalt 2027 gezeigt, dass eine Gemeinde nicht nur von ihren Einnahmen und Ausgaben lebt, sondern auch von den Beziehungen, die sie pflegt.

02.11.2026